Kultur für Charlottenburg-Wilmersdorf: Unsere Antworten an „BerlinIstKultur"
Das Aktionsbündnis „BerlinIstKultur" hat im Vorfeld der Wahl zum Abgeordnetenhaus Politikerinnen und Politiker mit einem Fragenkatalog zu ihrer kulturpolitischen Haltung angeschrieben, um deren Einstellung zur Berliner Kultur sichtbar zu machen. Unsere BVV-Kandidatin Dr. Barbara Beyer hat diese Fragen ausführlich und fachlich fundiert beantwortet und dem Bündnis vor Wochen mit der ausdrücklichen Bitte um Veröffentlichung zugesandt.
Passiert ist: nichts. Weder wurden die Antworten veröffentlicht, noch gab es überhaupt eine Reaktion auf unsere Nachricht. Wer sich Sichtbarkeit für die Berliner Kultur auf die Fahne schreibt, sollte auch die Positionen kleinerer Parteien abbilden. Dass unsere Antworten unbeantwortet und unveröffentlicht bleiben, verstehen wir als das, was es ist: eine Auswahl nach Parteibuch. Genau diese Selektion halten wir für das falsche Signal. Gerade von einem Bündnis, das für kulturelle Teilhabe und Vielfalt eintritt.
Deshalb veröffentlichen wir die Fragen und unsere Antworten hier selbst. Denn unsere kulturpolitischen Vorschläge von der Rettung der Musik- und Volkshochschulen bis zur Öffnung kultureller Orte im Bezirk gehören in die Öffentlichkeit, ob das Bündnis sie abbildet oder nicht.
1.Was ist Ihr persönlicher Bezug zur Kultur in Berlin?
Als Opernregisseurin und Professorin für Szenische Gestaltung, zuletzt an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden, komme ich aus der Kultur und habe Berlin ganz bewusst zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht. An den etablierten Theater- und Opernhäusern ebenso wie an zahlreichen freien Spielstätten etwa den Sophiensälen, dem Theaterhaus Berlin oder dem silent green Kulturquartier und an Institutionen wie dem Haus der Kulturen der Welt, der Akademie der Künste oder dem HAU findet kulturelle Auseinandersetzung in unterschiedlichsten Formen statt: als Aufführung und Performance, Ausstellung und Installation, aber ebenso als Symposium, Workshop oder Diskussionsforum. Kaum ein anderer Ort in Deutschland vielleicht sogar weltweit bietet so eine Vielfalt kultureller Produktionen und intellektueller Auseinandersetzung. Berlin ist ein Ort, an dem über kulturelle Entwicklungen nachgedacht wird und Kreativität sich ausleben kann.
2. Warum ist Kultur für Berlin unverzichtbar – gesellschaftlich, demokratisch und wirtschaftlich?
Kultur ist eine wesentliche Grundlage für den Zusammenhalt einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft. Deshalb muss der Zugang zu Kunst und Kultur für alle Berlinerinnen und Berliner unabhängig von ihrer sozialen und finanziellen Situation möglich sein. Eine demokratische Kulturpolitik hat darum die Aufgabe, bestehende Barrieren abzubauen und kulturelle Teilhabe zu gewährleisten. Viele Menschen in unserer Stadt leben von ihrer Arbeit im Kultursektor. Die kulturelle Vielfalt Berlins wirkt zudem weit über die Stadtgesellschaft hinaus. Sie macht Berlin international attraktiv, zieht Besucherinnen und Besucher an und stärkt damit nicht nur die Kultureinrichtungen selbst, sondern auch Hotellerie, Gastronomie und zahlreiche weitere Bereiche der Berliner Wirtschaft.
3. Wie möchten Sie eine nachhaltige Kulturfinanzierung in Berlin sichern?
Ein Berliner Kulturfördergesetz, das den verfassungsrechtlichen Auftrag konkretisiert und einen verlässlichen Rahmen für eine langfristige Kulturförderung schafft, ist aus meiner Sicht eine wesentliche Voraussetzung für die dauerhafte Sicherung der kulturellen Infrastruktur. Dafür braucht es zugleich eine deutliche Aufstockung des Berliner Kulturetats. Für die Finanzierung könnte etwa die City Tax nach dem Vorbild Hamburgs, zweckgebunden für kulturelle Angebote eingesetzt werden. Die Bedeutung der Kultur für Berlin kann kaum überschätzt werden. Kultur trägt zur Identität und Lebensqualität der Stadt bei und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich bekommt sie hierdurch internationale Ausstrahlung und ist für die Stadt auch wirtschaftlich attraktiv. Dieser Bedeutung muss auch der Berliner Landeshaushalt Rechnung tragen. Durch eine klare politische Prioritätensetzung zugunsten der Kultur.
4. Wie stärken Sie Kultur als Raum für Vielfalt, Teilhabe und demokratische Debatte?
Zunächst müssen die Kürzungen bei zentralen Kulturprogrammen zurückgenommen werden. Das betrifft insbesondere den Berliner Projektfonds Urbane Praxis, den Projektfonds Kulturelle Bildung, das Arbeitsraumprogramm für Künstlerateliers, das Programm „Draußen & Umsonst“ der Initiative Draußenstadt sowie die Jugendkulturinitiative. Darüber hinaus braucht es konkrete Maßnahmen, um kulturelle Teilhabe und künstlerische Produktion in Berlin nachhaltig zu stärken. Hierzu zählen die Wiedereinführung des eintrittsfreien Museumssonntags und die Einführung eines Kulturpasses für junge Menschen, um kulturelle Teilhabe unabhängig vom Einkommen zu ermöglichen. Außerdem halte ich es für eine gute Idee, nach dem Leipziger und Hamburger Modell einenStadtkurator einzusetzen, der sich insbesondere für die Entwicklung und Sicherung kultureller Freiräume einsetzt. Zum Beispiel um vorhandene Ressourcen zu nutzen: Nicht genutzte Räume in Kultureinrichtungen, etwa Proberäume, Ateliers oder Depots sollten freien Künstlerinnen, Künstlern und Gruppen zeitweise zur Verfügung gestellt werden. Außerdem ist es erforderlich, neue Kunstformen zu fördern: Insbesondere aktuelle digitale und interdisziplinäre Kunst- und Kulturformen brauchen zeitgemäße und entsprechend ausgerichtete Förderinstrumente. Berlin braucht eine Kulturpolitik, die auch Freiräume schafft, um neue Entwicklungen zu ermöglichen und die kulturelle Teilhabe für alle gewährleistet.
5. Was ist Ihr nächstes konkretes kulturpolitisches Vorhaben für Ihren Wahlkreis und für ganz Berlin?
Als BVV Abgeordnete des Bezirks Charlottenburg/Wilmersdorf würde ich mich vorrangig um die Fehlfinanzierung der Musik- und Volkshochschulen in CW kümmern. Durch das Defizit von einer Millionen Euro, das nach dem jetzigen Stand durch den Bezirkshaushalt nicht ausgeglichen werden soll, werden die Musik- und Volkshochschulen sich gezwungen sehen, Personal und Lehrangebote zu streichen. Außerdem würde ich mich dafür einsetzen wollen, dass die Kommunale Galerie am Hohenzollerndamm mehr Sichtbarkeit erhält. Ich trete zudem dafür ein, dass kulturelle Institutionen als öffentliche Orte fungieren sollen, so wie die Deutsche Oper in der Bismarckstraße. Für die niedrigschwellige Nutzung sollen die Foyers der Deutschen Oper außerhalb der Veranstaltungszeiten als frei zugängliche Orte des Dialogs, der Kreativität und des gemeinschaftlichen Aufenthalts dienen, ausdrücklich ohne Konsumzwang.